licht wahrnehmen

welcome bonaventura by anina rubin

licht wahrnehmen (essay, 2018, auf Deutsch)

Kurz Beschreibung :

Das Spiel des Gegensatzes zwischen Licht und Dunkelheit sowie Licht und Lichtbrechung fasziniert auf vielen Ebenen.

In dem Essay Licht wahrnehmen setze ich mich mit der Entwicklung des Elements Licht in der Bildenden Kunst auseinander.

Wenn der Künstler sich materiell-visuell zurücknimmt, kommt ein Medium zur Geltung, das bis dato vielmehr als ein “Mittel zum Zweck” im Handwerk der Bildenden Kunst galt: das Licht, als führendes Subjekt. 

Auf welche unterschiedlichsten Weisen wird Licht dargestellt? Können wir diese Substanz als eigenständiges und unabhängiges Objekt wahrnehmen, oder sogar als Subjekt oder Protagonist eines Werkes? 

„He asked them: What was created first, the light or the darkness? He received the answer: This question is not yet decided.“ […] That the creation of light presumes a prior darkness and so the older right of the dark, but that the dark doesn’t make sense without the brightness of the spirit, is perhaps the whole problem, the question that „is not yet decided,“ the question of the possiblitity or impossibility of the irrational. It already makes itself noticeable but stays outside nevertheless, knocking. (1)

Welche Absicht hat der Künstler, wenn er ein solch materieloses Objekt in seinem Ausdruck verwendet? 

Mit wachsendem Konsumdrang der Gesellschaft lernten viele Künstler das Weglassen von Materie sehr zu schätzen. Aus der Leinwand oder Skulptur wurde ein Konzept, dass sich nach außen ausbreitete. Die Grenzen des physischen Bilderrahmens wollten gesprengt werden. Die Ausbreitung fand stetig ansteigend im Geist und der Vorstellungskraft des Künstlers, sowie fordernder Weise des Betrachters, statt. 

Ob der große Grad der Abstraktion, das Weglassen von subjektiver Materie und das Hinzufügen suggerierter Vorstellungskraft des Betrachters, wahrhaftig etwas „Neues“ ist – oder ob die Kunst dabei geistlicher wird denn je, sei dahingestellt. 

Vielleicht hält die Kunst die Waage in einer Gesellschaft, die der Religion immer mehr den Rücken zukehrt indem sie genau dieser Gesellschaft einen lodernden Funken Ratio-abweisender und Geisteskraft-intensivierender Flamme vor Augen hält. 

Der Surrealismus und die Op-Art sind dabei enger ans Licht verknüpft als der größte Teil der heutigen “Lichtkunst”, welche stattdessen vielmehr “Kunstlichtkunst” genannt werden sollte:

Der Surrealismus ist keine poetische Form. Er ist ein Aufschrei des Geistes, der zu sich selbst zurückkehrt. (2)

Licht und Wahrnehmung sind verbunden.

Aber abstrahiert Licht die Bildsprache wirklich oder führt die Suche zur immer weitergreifenden Abstraktion automatisch zu diesem Element? 

(1) Emmanuel Lévinas, Neue Talmud-Lesungen, Neue Kritik, 2001. Hierbei zitiert Lévinas Arlette Elkaim- Sartre Übersetzung aus dem Hebräischen, Aggadoth du Talmud de Babylone. La source de Jacob, Ain Ya’akov, Verdier, 1982 

(2) Antonin Artaud, Anfang 1925 (zitiert nach Fiona Bradley, Surrealismus, Ostfliedern 2001)